Die Bevölkerung der Gemeinde

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts bleiben die rund 400 Dorfbewohner praktisch unter sich. Die wenigen Neubürger, seien es nun Heiratswillige oder Handwerker, stammen normalerweise aus den Nachbarortschaften.
Diese Idylle endet plötzlich und unerwartet mit dem Bau der Antony – Hütte. Der Bauherr von Wenge läßt nämlich die Fachleute für die Errichtung des Staudammes und des Hochofens in Italien und Belgien anwerben. Damit kommen 1753 die ersten Gastarbeiter nach Osterfeld. Die Einheimischen behandeln die Ausländer sehr zurückhaltend, manche stehen ihnen sogar feindlich gegenüber. Die wenigen Bauern, die den Fremden überhaupt Unterkunft gewähren wollen, verlangen offensichtlich für ihre Dienstleistung auffallend hohe Preise, denn die Bauleute beklagen sich bei ihrem Arbeitgeber über die Lebenshaltungskosten. Die Ziegelbrenner, Maurer und Zimmerleute sind in der näheren Umgebung zu Hause. Sie haben mit den Quartiergebern ebensowenig Schwierigkeiten wie der erste Hüttenmeister, der mit seinen drei Mitarbeitern aus Fischbach bei Saarbrücken anreist.
Nach diesem aufregenden Zwischenspiel kehrt zunächst wieder Ruhe ein. Mit der kleinen Anzahl Spezialisten, die die St. Antony – Hütte in den folgenden Jahren im deutschsprachigen Raum anheuern muß, gibt es keine Probleme.

Bis 1845 steigt die Einwohnerzahl trotz der beiden Eisenhütten im benachbarten Sterkrade und Oberhausen nur auf 775, weil die Mehrzahl der dort Beschäftigten wohl nicht in Osterfeld wohnt. Das ändert sich, als die Häuser in der Kolonie Eisenheim von Leuten der Oberhausener Hütte bezogen werden. 1850 leben bereits 1.083 Männer, Frauen und Kinder im Ort. In den folgenden Jahren vergrößert sich die Bevölkerung mit der Ausweitung der Eisenproduktion und dem Ausbau der Eisenbahn immer schneller: 1870 auf 2.700 und zehn Jahre später bereits auf knapp 4.000 Seelen.

Einfluß der Industire auf das Bevölkerungswachstum

Die stärkste Bevölkerungszunahme liegt zwischen 1880 und 1915, also in einer Zeit, in der nicht nur der Bergbau, sondern auch der Rangierbahnhof mit den angeschlossenen Eisenbahnbetriebswerkstätten immer mehr Mitarbeiter benötigt. Während die Eisenbahn ihre Beamten und Arbeiter weiterhin aus den im Westen liegenden preußischen Provinzen rekrutieren kann, müssen die Werber der Gutehoffnungshütte ihr Tätigkeitsfeld ausschließlich in die Ostgebiete verlegen. Gleichzeitig entwickelt sich die Wohnungsnot zu einem großen Problem, auch wenn zu jedem neuen Betrieb der GHH eine Kolonie gehört, und die Eisenbahnverwaltung für ihre Bediensteten ebenfalls Mehrfamilienhäuser erstellt. Der Wohnungsbau kann trotz zusätzlicher privater Anstrengungen nicht mit dem steigenden Bedarf Schritt halten. Ledige Zuwanderer finden nur in Heimen, im Volksmund "Bullenklöster" genannt, oder als Kostgänger bei ihren verheirateten Arbeitskameraden eine Unterkunft. Diese stellen einem Landsmann gern ein Bett zur Verfügung, um mit dem Kostgeld einen Teil der eigenen Wohnungsmiete bestreiten zu können. Im Laufe der Zeit bilden sich drei Kostarten heraus: halbe Kost, volle Kost und volle Kost voll. Georg Werner hält seine Erfahrungen, die er um 1900 als Kostgänger macht, für die Nachwelt fest:

Bei halber Kost war im Logispreis außer der Wohnung nur Mittagessen und Morgenkaffee enthalten. Dafür zahlte ich 28 M. Dagegen mußte man sich Brot und Zubehör selbst kaufen, was ungefähr ebensoviel erforderte. Bei „voller Kost“ deckte der Logispreis von etwa 50 - 60 M. alles. Bei „voller Kost voll“ war der Logispreis der gleiche, aber die Kostmutter einbegriffen… Die Zugewanderten, vor allem die aus dem Osten stammenden Bergleute, heiraten nämlich erst, nachdem sie sich genügend Geld gespart haben, um sich eine Matka aus der Heimat nachkommen zu lassen. Der Mann war dann bei der Heirat meistens 10 Jahre älter als die Frau. Nach weiteren 10 Jahren war der Mann infolge der schweren Grubenarbeit verbraucht, die Frau aber stand noch in den besten Jahren, hatte gutes und kräftiges Essen und außer der Hausarbeit nichts zu tun. Der junge Kostgänger, der noch dazu andere Schicht hatte als der Mann, mußte dann eben das gleiche tun, was sein Kostbauer vor seiner Verheiratung auch nicht verachtet hatte…

(Werner, 1948)

Bis zur Jahrhundertwende steigt der Anteil der Polnisch sprechenden preußischen Staatsbürger an der Gesamtbevölkerung auf fast 11 %. Sie haben Integrationsprobleme, weil der größte Teil der Einheimischen nicht wie die Behörden zwischen "preußischen Polen" und "ausländischen Polen" unterscheidet. Er kann oder will Masuren und Polen – egal ob preußisch oder ausländisch – nicht auseinanderhalten und lehnt sie zusammen als "Pollacken" ab. Besonders die Masuren hören diese Bezeichnung nicht gern. Sie sehen sich nicht als Polen sondern als Preußen, die treu zu König und Vaterland stehen, und weisen darauf hin, daß sie sich im Gegensatz zu den "richtigen Polen" zum evangelischen Glauben bekennen. Am Arbeitsplatz unter Tage spielt eine solche Differenzierung von Anfang an keine Rolle. Hier malocht man zusammen, ist aufeinander angewiesen, und jeder sagt unabhängig von seiner Muttersprache "Schüppe", "Hacke" und "Wagen", wenn er eine Schüppe, eine Hacke oder einen Wagen meint. Im täglichen Leben bleiben die Vorbehalte der Alteingesessenen wegen der verschiedenen Sprachen, Sitten und Gebräuche länger bestehen. Sie verschwinden erst in der nächsten Generation. Zum Beispiel machen die Bewohner der Kolonie Stemmersberg, in der ich aufgewachsen bin, zu meiner Kinderzeit keine Unterschiede mehr.

Nach der amtlichen Volkszählung vom 31.12.1913 leben in Osterfeld 28.553 Menschen, darunter 4.666 preußische Polen und 373 Masuren. Ihr Anteil beträgt nun knapp 18 %. Ausländische Polen sind 1913 nicht gemeldet.

Dieselbe Zählung weist 492 selbständige Gewerbetreibende und Handwerker aus. Davon bezeichnen sich als Polen:
1 Wirt, 1 Kartoffelhändler, 1 Kolonialwarenhändler, 1 Fuhrmann, 4 Schneider, 2 Schuhmacher, 2 Friseure und 1 Schreiner.
Ein Schuhmacher ist Masure.

Die Mehrzahl der Zuwanderer im erwerbsfähigen Alter, nämlich 617 Polen und 79 Masuren, arbeitet im Bergbau. Auf der Zeche Osterfeld geben 1913 von den 4.123 Belegschaftsmitgliedern 1.663 oder 40 % Polnisch als ihre Muttersprache an. Auf Vondern beträgt die Quote sogar 50 %, hier benutzen 1.135 von 2.242 Mann die polnische Sprache. Die Zahlen machen deutlich, daß ein Großteil der Polnisch sprechenden Bergleute auf den Osterfelder Zechen nicht in Osterfeld wohnt, weil hier immer noch Unterkünfte fehlen.

Die "preußischen Polen" suchen Geborgenheit in 11 nationalen Vereinen mit den verschiedensten Zielrichtungen. Es gibt Kegelklubs, Sportvereine, einen Lotterieklub, eine Rosenkranzbruderschaft und einen St. Barbara-Verein. Die letzteren beiden Gemeinschaften, die religiöses Brauchtum pflegen, gehören zur Pfarre St. Pankratius und werden von Kaplan Roosen seelsorgerisch betreut. Dieser zelebriert alle vier Wochen eine Messe in polnischer Sprache und hält zusätzlich im Abstand von 2 Wochen Andachten ab.
Die evangelischen Masuren dürfen selbst den "weltlichen" Vereinen nicht beitreten, sie wollen es wohl auch nicht.

Am 14. April 1920 schreibt der Amtmann auf Anfrage an den Landrat:
Ausländisch-polnische Arbeiter sind zur Zeit 50 hier gemeldet. Sie sind sämtlich nach der Revolution hier zugezogen und stehen auf den hiesigen Zechen in Arbeit.

(Akten des Amtes Osterfeld)

Bis 1921 steigt die Einwohnerzahl langsam auf 32.850, obwohl viele polnischstämmige Familien Osterfeld in den Jahren 1919 bis 1921 verlassen. Sie wandern teils in das nordfranzösische Kohlenrevier aus, teils siedeln sie in die neuerstandene Republik Polen um.

Der Bergbau beschäftigt 9.000 Mitarbeiter, während bei der Eisenbahn rund 2.000  und im Grobblechwalzwerk 500 Menschen in Arbeit und Brot stehen. Diese Betriebe sind die größten Arbeitgeber in der Gemeinde.

© Fritz Pamp


   

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