Die Kolonie Eisenheim

In den 1830er Jahren baut die JH&H ihr Walzwerk Oberhausen aus, weil besonders die Nachfrage nach Eisenbahnschienen stark zunimmt. In diesem Zusammenhang will die Firma auch eine neue Technik in der Stahlherstellung einführen: das Puddelverfahren. Die benötigten Spezialisten müssen von anderen Firmen durch das Anbieten besserer Konditionen abgeworben werden. Bald reichen jedoch höhere Löhne als Anreiz allein nicht mehr aus. Die Firmenleitung glaubt, mit einem zusätzlichen Wohnungsangebot ihre Chancen auf dem Facharbeitermarkt wieder zu verbessern. Deshalb plant sie 1844 eine Siedlung für 50 Familien auf einer 8 ha großen Acker- und Wiesenfläche östlich der Provinzialstraße von Mülheim nach Dorsten, etwa eine halbe Stunde vom Ortskern in Osterfeld entfernt. Die Königliche Regierung in Münster genehmigt den eingereichten Bebauungsplan erst nach einigen Änderungen. Die Bauarbeiten beginnen im April 1846. Bis zum Winteranfang stellen die Handwerker sieben eineinhalbstöckige Doppelhäuser, "Meisterhäuser" genannt, an der Provinzialstraße (heute Sterkrader Straße), ein zweistöckiges Doppelhaus, die "Kaserne", an einem Stichweg ohne Namen (später Kasernenstraße, heute Fuldastraße) und zwei ähnliche Doppelhäuser am Communal Weg (heute Wesselkampstraße) mit insgesamt 30 Wohnungen fertig.

Bild 64: Meisterhäuser an der Provinzialstraße

Bild 64: Meisterhäuser an der Provinzialstraße

Allerdings fehlt dem neuen Ortsteil noch ein Name. Deshalb macht die JH&H dem zuständigen Amtmann Tourneau in Bottrop folgenden Vorschlag:
… bitten wir sehr, doch höheren Orts unsere Wünsche vorzutragen und gütigst zu unterstützen, daß nämlich das neue kleine Dorf, welches wir in der Gemeinde Osterfeld auf dem Acker zu Wesselkamp zu bilden begonnen haben, den Namen "Eisenheim" erhalte. Es ist nicht unsere Absicht, daß die Colonie eine besondere Gemeinde bilde, sondern es mag dieselbe immerhin eine Bauernschaft oder Abteilung innerhalb der Gemeinde Osterfeld bleiben. Einen besonderen Namen wünschen wir, um bei geschäftlichen Mitteilungen in Betracht der zukünftigen Einwohner dieser Colonie schneller übersehen können, daß es die Colonie betrifft. Da in Zukunft vielleicht 50 Familien dort wohnen werden, verdient diese Niederlassung wohl einen besonderen Namen. Das nächste Dorf, Osterfeld, in deren Gemeinde der Baugrund liegt, ist eine halbe Stunde davon entfernt und auch keine Verbindung mit Häusern vorhanden. Ohne daß ein offizieller Name gegeben wird, würden zukünftig die Leute Namen erfinden, um den Ort näher zu bezeichnen …
Wir bitten also, den Namen "Eisenheim" zu befürworten, und empfehlen uns ganz ergebenst

Jacobi, Haniel und Huyssen.

(zitiert nach Kickenberg, 1956)

Der Amtmann kommt offensichtlich dem Wunsche nach und auch "höheren Orts" bestehen keine Bedenken. Deshalb kann die Direktion von JH&H schon bald im Amtsblatt lesen:

Bekanntmachung der Königlichen Regierung.

Der Gewerkschaft der Gute-Hoffnungs-Hütte zu Sterkrade ist mit höhere Genehmigung die Erlaubnis erteilt worden, dem von ihr angekauften und bebauten Grundstück in der Gemeinde Osterfeld, Kreis Recklinghausen, dem sogenannten Wesselkamp, groß 32 Morgen und gelegen in der Dorfbauernschaft, Flur I Nr. 385 = 315, den Namen Eisenheim zu geben.
Münster, den 6. Januar 1847

(zitiert nach Kickenberg, 1956)

Auch in den folgenden Jahren stellt die Hütte neue Mitarbeiter ein. Da in Osterfeld aber nach wie vor Wohnungen fehlen, wird zwischen 1865 und 1872 in "Eisenheim" weitergebaut.

Bild 65: Hof an der Werrastraße

Bild 65: Hof an der Werrastraße

Es entstehen 10 neue Häuser für 36 Familien. Die Einwohnerzahl steigt auf über 400 Personen. Der Architekt wendet in diesem Bauabschnitt zum ersten Male den "Kreuzgrundriß" an, der vier Wohnungen unter einem Dach vereinigt.

Mit dem Ausbau der Zeche Osterfeld entsteht für die Neubergleute die Kolonie "Eisenheim II". Sie ist praktisch eine Erweiterung der bestehenden Siedlung um 30 Häuser für 120 Familien.
War bis dahin Eisenheim eine Hüttenarbeitersiedlung gewesen, so änderte sich dies völlig mit dem Bau von Eisenheim II. Die zwischen 1897 und 1903 erbauten Häuser wurden ausschließlich an Bergleute der Zeche Osterfeld vermietet, was u.a. zu Protesten von Walzwerkmeistern führte, die den Weiterbau nach der Jahrhundertwende durch Einsprüche zu stoppen versuchten: „Man habe sich“, so schrieb einer der Meister, „in Laufe der Jahre einen ruhigen und behaglichen Aufenthalt geschaffen“, den man durch den Zuzug „fremder Zechenarbeiter“ bedroht fühlte. Die zunächst abgelehnten Bergleute, darunter nicht wenige Polen, wurden schließlich trotzdem integriert.

(Morsch, 1990)

In der Endausbaustufe bietet die Kolonie Eisenheim, die von der Berliner Straße, der Sterkrader Straße, der Fuldastraße und der Wesselkampstraße begrenzt wird, Platz für 186 Haushaltungen. Obgleich der Mietvertrag die Aufnahme von Untermietern nicht erlaubt, leben in einigen Häusern, wegen der permanenten Wohnungsnot vom Vermieter stillschweigend geduldet, mehrere Kostgänger, in Ausnahmefällen sogar zwei Familien in einer Wohnung. 1910 wird als letztes Haus an der Ecke Wesselkampstraße / Eisenheimer Straße ein Kindergarten gebaut.

Bild 66: Kindergarten

Bild 66: Kindergarten

Im Zweiten Weltkrieg fallen, neben neun anderen Häusern und dem Kindergarten, fünf der sieben Meisterhäuser an der Sterkrader Straße dem Bombenkrieg zum Opfer. 1952 entstehen auf den Grundstücken vier Wohnblocks. Die beiden Häuser zwischen der Eisenheimer- und der Berliner Straße – in letzterem erblickt mein Vater das Licht der Welt – überdauern den Krieg ohne größere Schäden. Sie werden trotzdem 1961 abgerissen. Damit verschwinden die ältesten Siedlungshäuser aus dem Stadtbild.

Der Wiederaufbau der zerstörten Wohngebäude an der Werra- und Fuldastraße erfolgt zwischen 1946 und 1958.

Mitte der 1970er Jahre stellt der Landeskonservator Rheinland die Kolonie "Eisenheim" unter Denkmalschutz.

 © Fritz Pamp


   

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